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Auf der Reise zu mir

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Ich weiß nicht, wie lange eine Ewigkeit dauert. Sie sollte unendlich sein. Das ist erschreckend lang, nicht wahr? Aber ich werde immer da sein. Dich liebend und für immer Deins sein. Du hast meine Seele erfüllt. Du hast den Kreis geschlossen, von allem was ich bin und was ich kann. Du hast mir einen Sinn gegeben. Und Schönheit. Ausstrahlung. Liebe! ​
Ich sehe und spüre Dich überall. Ganz egal, was ich mache und was ich tue. Ich habe Dich immer bei mir. Keinen Augenblick habe ich Dich los gelassen.
Zwar bin ich recht  sensibel, aber vor Freude habe ich nie geweint. Bis ich Dich lieben durfte.
Ich bin oft so berührt, dass ich diese Tränen brauche – weil ich mich nicht mehr anders ausdrücken weiß. ​
Niemals hätte ich gedacht, dass ich das Gefühl spüren werde, vor jemandem knien zu wollen. Stolz und erfüllt zu knien. Ich habe das Bedürfnis zu knien. Dir und Deiner Stimme folgend!

Mein BDSM fängt im Kopf an. Ich genieße das Privileg, meinen Herrn kennen- und lieben gelernt zu haben, als ich nicht mal wusste, was ich brauche und auch nicht, wer ich wirklich bin.
Anfang 30, voll im Leben stehende Frau – in einem sicheren, goldenen Käfig. Ich habe es geschafft, über die Jahre, mir so viele Masken anzuziehen, dass nicht mal ich selber wusste, wie ich eigentlich bin. Ich hatte nie diese großen Ambitionen, besonderes sein zu müssen. Ich wollte die Durchschnittliche sein, weil ich so erzogen wurde: mich anzupassen. Um die Menschen, die ich gerne habe, nicht zu stören oder zu beleidigen. Es ist eine Haltung, in der man sich irgendwann wohl fühlt. Mit der Zeit, eine Haltung die ich sehr oft annahm, mich damit abgefunden habe und eigentlich hatte ich auch kein Problem damit. Ich meinte auch alles, was ich tat und fand jedesmal eine nachvollziehbare Erklärung, warum ich so gehandhabt habe.
Der Mann, den ich geheiratet habe, schenkte mir alles was jemand braucht, um sich keine Sorgen über Morgen oder nächstes Jahr zu machen. Das Problem daran war, er konnte mir weder Zuneigung, noch Zeit oder Aufmerksamkeit geben. Er liebte mich auf seine Art, als wäre ich ein Gegenstand, den er besaß: man gewöhnt sich daran und dieser Gegenstand wird wie mit einer Fernbedienung gesteuert – er entschied wann, wie lang, wie oft und überhaupt wie er Zeit mit mir verbrachte. Mein Mann wusste nie, wer ich bin, hatte aber eine gute Vorstellung davon, wie ich werden könnte. Es störte mich, weil wir nebeneinander vereinsamt sind – wir redeten darüber, er bemühte sich eine Weile, dann verlief alles wieder im Sand. Immer und immer und immer wieder. Ich fand natürlich passende Worte, warum er so leben möchte, ich suchte die Schuld bei mir und veränderte mich ständig, um das an mir zu finden, was ihm passt, damit es endlich wieder gut ist. So kämpfend vergingen ein paar Jahre. Ich wusste selber längst nicht mehr, welche Maske besser passt, aber ich trug täglich eine, die eigentlich weder mir noch meinem Mann passte. Man lernt damit zu leben. Ich bildete mir ein, ich möge mich, ich wäre zäh und stark, weil ich sowas auf meinen schmalen Schultern trug, weil mich nichts mehr umschlug und ich für jeden und alles Verständnis hätte.

Weil ich nichts mehr fühlte.

Keine große Trauer, keine Angst. Und vor allem, keine Freude. Kein Leben. Ich habe das Leben in mir nicht mehr gespürt. So stark war ich. Und so tot. Sowas von schwach …

Mein Herr lief mir über den Weg in der Zeit, als ich so weit war, mich immer wieder zu fragen, wie es wäre, wenn ich mal plötzlich eine unheilbare Krankheit bekäme, die mich wie eine Heldin aus dem Leben reißt. So jemand Starkes wie ich braucht dementsprechend einen würdigen Abtritt.
Zu dieser Zeit war mein Selbstvertrauen als Frau gerade mal 0,0 Wert. Ich tat alles, was die Frau von heute so macht: tagsüber vorbildliches Leben geführt, arbeiten, ehrenamtlich engagiert, freundlich, sportlich, stets beschäftigt. Immer am Rennen. Und vor allem, vor mir selbst. Ich konnte für jede Situation die passende Maske aufsetzen, nur für die Frau in mir hatte ich keine.
Die Abende waren einsam; zwar waren wir zu zweit, doch jeder lebte für sich. Das passierte allmählich, kaum merkbar. Irgendwann fing ich an mich im Internet anzumelden, weil mir das bequem, andererseits jedoch spannend und geheimnisvoll vorkam. Mit meinem Lieblingsfoto schaffte ich es, einige Männer auf mich aufmerksam zu machen und ich musste mich nicht sehr anstrengen, bis sie das erste Interesse gezeigt haben. Ich hatte somit das, was ich brauchte: ich konnte endlich wieder etwas fühlen. Erstmal Freude, dass ich wieder als Frau gesehen wurde, dann Mitleid für jeden einzelnen, der mit einer Enttäuschung leben musste. Denn ich hatte niemals vor, fremd zu gehen oder überhaupt etwas zu verändern… ich suchte nur die Frau in mir. Und ich machte ja nichts falsch, wenn ich nur schrieb. Das waren die Gefühle, die ich hatte und die Momente, in denen ich mich lebendig fühlte. Ich machte das gerne, immer und immer wieder und das hielt mich eine lange Zeit übers Wasser. Es war falsch, ja. Es tut weh, die eigene Weiblichkeit zu verlieren. Es tut weh, gute Freundin, Tochter, Mutter, Nachbarin zu sein, jedoch nie eine Frau. Die Suche danach schmerzt und sich einzugestehen, dass dein Partner deine Fähigkeiten als Frau nicht mehr braucht, macht es nicht besser. Den Schrei der Sehnsüchte zu unterdrücken und hoffen, dass sie irgendwann verschwinden werden. Mir war klar, dass jede Frau etwas hat, was sie schön macht: sei es etwas körperliches, ihre wundervolle zarte Art sein, oder sie ist einfach die Draufgängerin, eine witzige, eine Kämpferin oder intelligent. Und eins ist sicher – jede Frau ist geliebt – von der Familie, Freunden, der Katze oder von Nachbarn. Aber oft reicht das nicht aus, um sich „schön“ zu fühlen. Denn keine Frau wacht morgens auf, lächelt und denkt: „ich fühle mich so wunderschön heute, weil meine Mutter mich über alles liebt!“

Mein Herr gehörte komischerweise nicht dazu, denn als ich mit ihm schrieb, war ich die, die alles wissen wollte und nicht über ihn, sondern über seine Welt. Was ist das für eine Welt, wo jemand Grenzen setzt? Wie ist diese Welt, wo jemand führt und wer lässt sich darauf ein? Wir redeten viel und ich bemerkte jedesmal, wie unersättlich ich wurde, ich bekam nicht genug von diesen Gefühlen. Kontrolliert von ihm entdeckten wir gemeinsam Seiten an mir, die ich nie gesehen oder gespürt habe. Er überschlug sich nie mit Komplimenten, was ihn in meinen Augen glaubwürdig gemacht hat, aber er begleitete mich Tag für Tag auf meiner Selbstentdeckungsreise und lobte jeden Schritt, den ich nach vorne machte. Genau so viel Verständnis hatte er für meine Rückschritte, als er mich auch dort begleitete und mich weiter ermutigt hat. Weinend und ängstlich musste ich jede einzelne Maske ablegen, mich so zeigen, wie ich wirklich bin. Dinge tun, die ich in einer „normalen“ Beziehung nicht hätte tun müssen und wollen. Jedes Mal kämpfte ich mit seelischen Erdbeben. So oft dachte ich, ich hätte was falsch gemach und es wäre alles vorbei. Er konfrontierte mich mit meinem Ich und ich hatte große Angst, falsch und unpassend zu sein. So lernte ich mich kennen, mich akzeptieren und mögen. Ich traf den Mann, der mich dazu aufgefordert hat, so zu sein, wie ich bin. Das ist so schwer!!  Den Mann, der an mich glaubt und mein Vertrauen verdient hat. Ich sah meine wahre Stärke, die nichts mit der gemeinsam hat, was ich bisher kannte. Meine Stärke, mich vor ihm zu entblößen, mich ihm zu unterwerfen und ihm mit ganzer Kraft zu vertrauen. Die Stärke, an mich zu glauben, dass das, was ich bin, ganz in Ordnung ist. Dazu gehören meine dunkle Fantasien, die ich anfangs als psychische Krankheit gesehen habe, mein Bedürfnis vor meinem Herren zu knien, ihm zu dienen, mich von ihm demütigen oder schlagen zu lassen. Meine Grenzen zu erkennen und diese zu erweitern. Denn ich weiß, wie viel Starke, Gefühl und Kraft sowas benötigt. Ich habe all diese Gefühle wieder gefunden: Sehnsucht und Dankbarkeit, Freude und Lust, ich schaffe es, vor Glück überwältigt zu weinen, ich fühle mich frei und doch gehöre ich ihm ganz. Ich bin so frei, dass ich bewusst entschieden habe, vor ihm zu knien und ihm meine Seele anzuvertrauen. Ich bin so stark, dass mir bewusst ist, wie verletzlich mich sowas macht. Und  trotzdem stehe ich da, trotzdem lasse ich es zu, dass er mich im Innersten berührt. Wohl wissend, dass er mir weh tun könnte. Vertrauen erfordert Stärke, um sich hinzugeben braucht man Stärke. Das ist wahre Stärke – sich zu kennen und dazu zu stehen! Nicht sich anzupassen, indem man Masken aufsetzt und versucht, jedem gerecht zu werden.
In meiner Beziehung zu meinem Herrn hatte ich die Möglichkeit, mich wieder kennenzulernen. Eine Dom-Sub Beziehung – egal in welcher Form diese gelebt wird – ist tiefsinnig, man setzt sich mit Gefühlen auseinander, man beschäftigt sich miteinander. Ich hatte keine Chance, mich zu verstellen, sonst hätte ich ihn nicht erreicht und ich hätte jetzt nicht so darüber schreiben können.
Ich habe mich geöffnet und ich wurde belohnt. Der Weg, der zu mir selbst führte, ist nicht einfach. Aber jetzt, da ich schon eine Weile unterwegs bin, kann ich es laut sagen: die Reise ist es wert!  Ich bin eine Frau, die ihr Leben wieder spürt, auf so viele verschiedene Weisen – wie grausam es sein kann, ohne Sehnsüchte leben zu müssen! Ich habe mich wieder gefunden und ich gebe mich nicht mehr her. Dank einer Beziehung, bei der viele Demut und Stärke mit Unterdrückung verwechseln und Hingabe mit Schwäche, habe ich mich stolz und selbstbewusst gefunden und für mich gibt es kein Zurück mehr.

Danke Dir, mein verehrter Herr.

4 Comments

  1. DunkelBunt
    November 27, 2015 at 2:05 pm — Antworten

    Das ist so was von fein….. So wie es laufen kann!! Schön

  2. Susanne
    November 28, 2015 at 1:50 pm — Antworten

    Danke. Schöner hätte ich es nicht schreiben und beschreiben können.
    LG Susanne

  3. Profilbild von Alice
    November 28, 2015 at 3:56 pm — Antworten

    Danke, Susanne 🙂

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